Donnerstag, 24. Juli 2014

Das Geheimnis der Eulerschen Formel - Ein Buch von Yoko Ogawa (4 Sterne von 5)

Letztes Jahr Weihnachten bekam ich unter anderem das Buch »Das Geheimnis der Eulerschen Formel« von Yoko Ogawa geschenkt. Also, ausgesucht, gekauft und geschenkt hat es meine Tante, Yoko Ogawa hat es geschrieben.

Das Buch beschreibt das Verhältnis zwischen einem Professor und der Ich-Erzählerin, die als Haushälterin bei einem Professor angestellt ist.

Der Professor wird als wahnsinnig liebenswerter Mann beschrieben. Er erlitt bei einem Unfall einen Hirnschaden und kann sich seitdem nur noch an das Leben vor dem Unfall und an die letzten 80 Minuten in seinem jetzigen Leben erinnern. Dieses Leben versucht er mit kleinen Zettelchen zu steuern, auf denen alles steht, was ggf. länger als 80 Minuten aus seinem Blickfeld verschwindet.

Die Ich-Erzählerin scheint die perfekte Haushälterin für den Professor zu sein. Sie erträgt seine Gedächtnisprobleme mit einer stoischen Ruhe, die ihren Vorgängerinnen offenbar fehlte. Da der Professor Kinder liebt, kommt bald ihr 10-jähriger Sohn mit ins Haus. Ein Kind halte ich kaum für so beherrscht und vernünftig, die nicht unbedingt einfache Krankheit des Professors zu ertragen, aber die zauberhafte Beschreibung des Verhältnisses vom Professor zum Sohn lässt diese Unzulänglichkeit bald vergessen.

Die Beschreibung der Schwägerin des Professors ist in meinen Augen nicht rund. Bereits Beginn mochte ich sie nicht, sie wird eher unsympathisch beschrieben. Als sie dann noch die Ich-Erzählerin herauswirft, weil sich diese während einer Krankheit um den Professor kümmert, verliert sie alle restlichen Sympathiepunkte. Später lenkt sie ein, und gegen Ende des Buches kümmert sie sich aufopfernd um ihren Schwager. Es wird erwähnt, dass der Professor und seine Schwägerin ein ganz besonderes Verhältnis haben. Ob dies daraus resultiert, dass sie den Unfall zusammen erlebt haben (die Schwägerin geht seitdem am Stock) oder noch darüber hinaus, erfährt der Leser nicht.

Während des gesamten Buches werden die Haushälterin und ihr Sohn mit kleinen aber feinen Dosierungen in ein paar Geheimnisse der Mathematik eingeweiht. Die Ich-Erzählerin macht hier in meinen Augen eine recht steile Lernkurve in der Mathematik durch. Zu Beginn bekommt der Leser das Gefühl, es gäbe kaum mathematischen Grundlagen, später im Buch liest sie sich selbständig durch die Beschreibung der Eulerschen Formel. Aber niemand erwartet, dass diese Geschichte tatsächlich so passiert sein muss.

Das Leben des Professors ist voller Zahlen. So wird die Ich-Erzählerin beispielsweise immer wieder gefragt, welche Schuhgröße sie habe oder wann sie geboren sei. Auf Seite 25 antwortet sie: »Am 20. Februar.« Daraus macht der Professor (»im zweiten Monat, und zwar am 20.«) die Zahl 220. Diese Zahl in Verbindung mit der 284 wird nun einige Seiten lang behandelt. Auf Seite 146 ist die Ich-Erzählerin plötzlich am 22. Februar geboren, verweist aber trotzdem auf die damit verbundene Zahl 220. Sehr schade, da hat jemand überhaupt nicht aufgepasst.

Irgendwo im Buch gibt die Ich-Erzählerin einer Frau auf der Straße ohne ersichtlichen Grund Geld. Mir fehlt der Zusammenhang, was diese Szene mit der Geschichte zu tun hat - oder habe ich etwas übersehen?

Es gibt einige Unzulänglichkeiten, »Das Geheimnis der Eulerschen Formel« ist aber trotzdem ein Buch, was sie gut lesen lässt. Wenn man Mathematik mag, erfährt man evtl. etwas Neues - oder kann seine Erinnerungen aus der Schulzeit auffrischen. Wenn man Mathematik nicht mag, wird man die Magie, die von Zahlen ausgeht, wahrscheinlich nicht verstehen und sollte eher ein anderes Buch lesen.

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