Dienstag, 19. August 2014

Chuzpe - Ein Buch von Lily Brett (1 von 5 Sterne)

Meine Tante war in einem Buchladen, als eine andere Kundin einer Verkäuferin lautstark vorschwärmte, was sie doch (wohl in diesem Laden) letztens für ein tolles Buch empfohlen bekommen habe. Meine Tante, immer auf der Suche nach guter, lustiger, entspannender Lektüre, fragte gleich nach, um welches Buch es sich denn handle. "Chuzpe, einfach herrlich!" Sie habe sich kaputt gelacht.

So kam ich zu diesem Buch.

Die Hauptperson ist Ruth Rothwax. Sie hat eine eigene Firma, im Buch heißt es, sie habe "einen Briefservice". Sie liefert Brieftexte auf Bestellung, beispielsweise in Trauerfällen: Auf Seite 63 findet man einen solchen Text, der von einem Hundebesitzer an einen anderen Hundebesitzer geht, dessen Hund gestorben ist. Wenn für diese sinnlose Aneinanderreihung von Sätzen jemand Geld bezahlt, ist er selber Schuld. Bei der Informationssammlung hat Ruths Assistentin auch noch gehudelt: Hoffentlich sind jetzt Besitzer- und Hundename nicht verwechselt! Soll dass witzig sein?!

Neben diesen Briefen entwirft Ruth (Klapp-)Kartentexte.

"Eine Scheidung fühlt sich an wie das Ende - Vergessen wir nicht, dass sie auch ein Anfang ist".

"Wir" fühlt sich an wie "beim Arzt". Mir zumindest gefällt der zweite Satz absolut nicht. Ich fände z.B. "Eine Scheidung fühlt sich an wie das Ende, dabei ist es ein Anfang!" viel ansprechender.

"Das Richtige ist das, was für dich richtig ist - Was für dich richtig ist, ist auch das Richtige für deine  Umgebung".

Meine Umgebung? Sind das meine Freunde? Oder ist das mein Briefträger? Oder "nur" meine Kaffeemaschine, die vielleicht einige länger im Leben begleitet als manche Freundschaft? Den ersten Satz finde ich gut, mit dem zweiten kann ich absolut nichts anfangen. So langsam dämmert es: Liegt das eventuell an einer schlechten Übersetzung aus dem Englischen? Das würde auch das "Sinn machen" irgendwo im Text erklären.

Das Buch beschreibt hauptsächlich die Gedanken von Ruth, deren Mann aus beruflichen Gründen ein halbes Jahr lang fort ist, mit dem sie lediglich telefonieren kann. Man bekommt den Eindruck, sie gönnt ihm den Aufenthalt in Australien nicht, sie möchte ihn unbedingt bei sich haben, er soll pausenlos für ihre Jammerattacken zur Verfügung stehen. Überhaupt geht es nur um sie, um ihre Esstörung, darum, wie sie sich über ihren Vater Edek aufregt ...

Edek ist die zweite Hauptperson, ein 87-jähriger polnischer Jude. Er ist zu seiner Tochter nach New York gezogen (in ein eigenes Apartment), schaut immer mal wieder in Ruths Firma vorbei, hilft dort und geht häufig mit Ruth essen. Die Autorin will Edek vielleicht als liebenswerten alten Exzentriker beschreiben, jedoch macht es mir nicht zuletzt sein gekünstelt schlechtes "Deutsch" unmöglich, ihn so zu sehen. Warum nur konnte man ihn nicht vernünftig reden lassen und nur erwähnen, dass man seinen Akzent "hört"? Von mir aus könnte man auch zwischendurch immer mal wieder einfließen lassen, wie "nett", "witzig" etc. sich ein bestimmtes Wort, ein bestimmter Satz in diesem "polnisch-jiddisch-australischem Akzent" anhört. "Kopfkino" ist doch die große Stärke, die Bücher gegenüber Filmen haben! So, wie es geschrieben ist, muss man annehmen, dass Ruth ihren Vater für einen verkalkten alten Trottel hält, bei dem sie lediglich respektiert, dass er den Holocaust überlebt hat.

Auf Seite 50 habe ich mir gesagt, dass ich dem Buch eine Chance bis zur Seite 100 gebe. Ich fühlte mich beim Lesen wie in einem Laufrad, aus dem ich nicht entkommen konnte: immer nur Ruths Gedanken, ihre Egozentrik, ihre Unzufriedenheit mit ihrem Vater, der ihr absolut nichts recht machen kann. In einer Rezension las ich dann - zwischenzeitlich auf Seite 64 angekommen - folgendes: "Das erste Drittel des Buchs ist leider ziemlich langatmig, doch durchhalten lohnt sich, danach wird es wirklich witzig." Ok, ohne Rezepte 330 Seiten. Ich gab dem Buch also eine zweite Chance bis zur Seite 110 + 20.

Was ich nicht mehr zu hoffen gewagt hätte, auf Seite 125 entlockte mir ein Satz doch wahrhaftig einen schmerzlichen Lacher: Edek hat zwei Polinnen, Zofia und Walentyna, nach New York geholt, die zwar eine Greencard aber nur wenig Geld haben. Edek hat gar kein Geld, er lässt sich von Ruth aushalten. Zofia, Walentyna und Edek möchten einen Klops-Laden eröffnen. Edek auf Ruths frage zur Finanzierung: "Dann du wirst unterstützen alle drei, du kannst dir das leisten." Überhaupt nerven Edeks ständige Verweise auf Ruths "Reichtum" und wie wahnsinnig viel Geld sie doch mit ihren Karten und ihren Briefen verdient.

Ok, das Buch war ab diesem Punkt nicht mehr ganz so langatmig, aber "besser" wird es dadurch nicht. Wer jemals für sein Geld arbeiten musste, wird über die meisten Beschreibungen nicht lachen können. Und schließlich driftet das Buch in eine so unmögliche Geschichte ab, dass man sich nur noch fragt: Was soll das? Wenn mich ein 87-jähriger auf der Straße zum Thema "Klops" anquatscht, sehe ich zu, Land zu gewinnen. Ich würde mich garantiert nicht von ihm in einen kleinen überfüllten Imbiss mit halbnackter Köchin zerren lassen! Und Steven Spielberg kommt zur Hochzeit!?

Immer wieder fragt man sich, was Passagen in dem Buch/der Handlung verloren haben. "Können Sie mit uns zum Tai-Chi kommen?" Ruth kommt mit zum Tai-Chi. Und was sollte das? Was ist mit der Frauengruppe, über die Ruth am Anfang des Buches lang und breit mit Sonia spricht? Ich dachte erst, das wäre das zentrale Thema des Buches! Nachher wird die Gruppe lediglich noch drei- oder viermal kurz erwähnt und eigentlich hätte man sich die Passagen sparen können. Und wen interessiert bis ins Detail, wie Edek und Zofia Sex haben? Ruthi nicht. Und die Leserin noch weniger.

Immerhin hat das Buch unsere nächtliche Ruhe gerettet: Wir haben damit eine Mücke zu Brei geschlagen und konnten danach gut schlafen. Dafür hätte man jedoch auch ein altes Telefonbuch nehmen können ...


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