Montag, 22. August 2016

Hauskauf ist "Vertrauenssache" (Teil 1) - ... aber wem kann man heute noch vertrauen??

"Eine private Handynummer habe ich nicht!"

26. Mai 2016, 11 Uhr: Wir besichtigen (mal wieder) ein Haus. Die Anzeige hat uns eigentlich nicht vom Hocker gerissen, aber vor Ort sind wir positiv überrascht. Auf unsere Frage, wer das Haus bekommt, antwortet die Verkäuferin Frau W.-I.: "Der, der sich zuerst meldet. Eine Kollegin ist allerdings bereits sehr interessiert." Sie habe keine private Handynummer, sei aber heute noch bis ca. 16 Uhr auf der angegebenen Festnetznummer erreichbar.

13:07 Uhr: Wir rufen bei Frau W.-I. und sagen, dass wir das Haus kaufen möchten. Sie ist erstaunt, dass wir uns so schnell entschieden haben, aber nach so langer Zeit der Suche wissen wir ziemlich genau, was wir brauchen.

Wir möchten natürlich gerne einen Sachverständigen beauftragen, der das Haus und insbesondere den Preis prüft. Frau W.-I. schlägt vor, dafür das Wertgutachten zu verwenden, welches sie und ihr Mann bereits bei der Stadt in Auftrag gegeben haben. Wir möchten trotzdem gerne unseren eigenen Sachverständigen beauftragen.

8. Juni 2016, 15 Uhr: Besichtigung des Hauses mit unserem Sachverständigen. Noch am gleichen Tag laufen lt. Frau W.-I. außerdem noch sieben "Herren vom Bauamt" durch das Haus, um die Daten für das Wertgutachten zusammenzutragen.

13. Juni 2016: Wir bekommen von Herrn E. ein ausführliches Gutachten inklusive Marktwert geschickt.

Wir versuchen zweimal (13:04 Uhr und 18:40 Uhr) bei Frau W.-I. anzurufen, um vorzuschlagen, auf das Wertgutachten zu warten und dann in die Preisverhandlungen zu gehen, erreichen aber niemanden. Also schreiben wir ihr eine Mail.

"Eine junge Familie interessiert sich sehr für das Haus!"

14. Juni 2016, 19:35 Uhr: Anruf bei Frau W.-I. um 19:35 Uhr. Meine Anrufe gestern seien zu äußerst ungünstigen Zeiten gewesen, sie habe Besichtigungen gehabt und eine junge Familie sei sehr interessiert. Ja, die Mail habe sie erreicht, das sei eine gute Idee: "Das Wertgutachten soll lt. Bauamt noch diese Woche fertig werden!"

16. Juni 2016, 18:04 Uhr: Anruf von Frau W.-I., das Wertgutachten sei - leider - unvollständig, wir sollen einen Preisvorschlag machen.

17. Juni 2016: Der Sachverständige versucht mehrfach und vergeblich, Frau W.-I. zwecks Preisverhandlung telefonisch zu erreichen.

"Falls Sie morgen im Lotto gewinnen, kaufen Sie sich doch ein anderes Haus!"

18. Juni 2016 (Samstag): Herr E. hat Frau W.-I. erreicht und sich mit ihr auf einen Preis geeinigt, den er uns mitteilt. Wenn wir einverstanden sind, sollen wir Frau W.-I. anrufen und ihr das mitteilen. Beim dritten Anruf (15:04 Uhr, 18:14 Uhr und 19:02 Uhr) erreiche ich Frau W.-I., welche als "Sicherheit" gerne 5000 Euro - direkt auf ihr Konto und am Notar vorbei - von uns hätte, falls wir morgen im Lotto gewinnen. Das habe sie beim Kauf ihrer Eigentumswohnung auch so gemacht. Über so eine Sicherheit will ich mich erst informieren und mich dann wieder melden.

Überhaupt, welche Sicherheit hätten wir? Wenn morgen einer kommt und das doppelte von unserem Preis bietet, sehen wir dann unsere 5000 Euro wieder?

20. Juni 2016 (Montag): Ich erfahre von unserem Sachverständigen Herrn E., dass solche "Vorauszahlungen eher unüblich" sind. Er rät davon ab, ein Hauskauf sei "Vertrauenssache".

Herr E. hat bereits mögliche Notartermine im Juli organisiert, die er mir unterbreitet. Da wir uns an allen Tagen entsprechend frei nehmen können, versucht er mehrfach, Frau W.-I. zur Terminabsprache telefonisch zu erreichen. Da ihm dies nicht gelingt, schreibt er ihr schließlich eine Mail an ihre private und an ihre geschäftliche Adresse und bittet um Rückruf.

"Ja, was meinen Sie denn, wer wir sind?"

21. Juni 2016: Frau W.-I. ruft bei Herrn E. an. Sie scheint verschnupft, da ich mich am Vortag bezüglich der 5000 Euro nicht gemeldet habe. Herr E. erklärt ihr, dass das Risiko bei so einer "Anzahlung" alleine auf unserer (Käufer-)Seite liege und unüblich sei. Daraufhin ist sie noch verschnupfter, als hätte Herr E. ihr etwas unterstellt.

"Heute Abend kommt erst nochmal eine junge Familie, die sich sehr für das Haus interessiert!"

Zu den Notarterminen möchte sich Frau W.-I. nicht äußern. Sie habe abends nochmal eine sehr interessierte Familie, die sich das Haus ansehen wolle. Vielleicht kaufe die ja auch das Haus. Sie informiere uns dann später telefonisch über den Besichtigungsverlauf.

Als mir Herr E. vom Verlauf des Telefonats berichtet, bleibt mir kurz die Spucke weg.

19:13 Uhr: Am Telefon eine eher flapsige als kleinlaute Frau W.-I.: "Wenn Sie das Haus noch wollen ..." Ich überlege kurz zu sagen: "Ja, aber jetzt müssen wir nochmal über den Preis reden", verkneife es mir aber. Die Frau ist unberechenbar und wir wollen das Haus unbedingt haben, was ich allerdings nicht ganz so deutlich sage.

"Sie wissen ja, dass Sie beim Kauf prüfen müssen, ob wir die Wohngebäudeversicherung gekündigt haben?"

22. Juni 2016: Ich frage Herrn E., ob es stimmt, dass wir prüfen müssen, dass die Verkäufer die Wohngebäudeversicherung gekündigt haben, wie mir Frau W.-I. am Telefon mitgeteilt hat. Er reagiert fast bestürzt: Tatsächlich ist es so, dass ein Käufer die Versicherung übernimmt und nach Grundbuchumschreibung einen Monat lang Zeit hat, die Versicherung zu prüfen und zu behalten oder zu kündigen und sich eine andere Versicherung zu suchen. Ich frage mich, ob mich Frau W.-I. testen wollte oder ob sie tatsächlich keine Ahnung hat.

Ich nenne Herrn E. noch Frau W.-I.s Wunsch-Notartermin, und höre, dass wir nun auf den Fragebogen vom Notar warten müssen.

23. Juni 2016: Ich kläre Frau W.-I. per Mail über Ihren Irrtum bei der Wohngebäudeversicherung auf und bitte sie darum, der Versicherung den anstehenden Eigentümerwechsel anzukündigen. Gleichzeitig frage ich, ob sie von unserer Seite noch eine Finanzierungsbestätigung benötigt oder ob ihr unser "Wort" reicht.

24. Juni 2016 (Freitag): Frau W.-I. hat an ihre Wohngebäudeversicherung eine Mail geschrieben und diese über den anstehenden Eigentümerwechsel informiert. Mich hat sie dabei CC genommen. Auf die Anfrage wegen der Finanzierung werde ich keine Antwort mehr erhalten.

Fragebogen geht - irrtümlich - nur an Frau W.-I.

Bei uns ist noch immer kein Fragebogen vom Notariat angekommen. Ich rufe im Notariat an, ob wir vielleicht versehentlich keinen bekommen haben. Die zuständige Dame ist "heute leider nicht im Haus, erst am Montag wieder", aber es wird mir versprochen, sich darum zu kümmern. Da ich meine Mailadresse angeben musste, gehe ich davon aus, bald den Fragebogen übermittelt zu bekommen. Leider ist bis abends nichts passiert.

Also frage ich Frau W.-I. per Mail, ob sie vom Notariat bereits einen Fragebogen erhalten hat. Da sie mich selber noch bei unserem letzten Telefonat darauf hingewiesen hat, dass Notare mindestens zwei Wochen vor dem Termin alle Unterlagen und Informationen benötigen, habe ich Angst, der Termin könnte wegen unseres fehlenden Fragebogens platzen.
Hallo Frau R., ich habe das Formular bereits gestern erhalten u. heute ausgefüllt mit aktuellem Grundbuchauszug, Energieausweis im Notariat bei Fr. G. abgegeben. Man war dort recht erstaunt, da i.d.R. der Käufer besagtes Formblatt erhält. Ihnen noch einen schönen Abend. Mit freundl. Grüssen  D. W.-I.
Klingt fast wie ein Vorwurf, dass der Fragebogen bei ihr und nicht bei uns gelandet ist, oder?

Ich beschließe, am Montag nochmal im Notariat anzurufen.

27. Juli 2016, 8:46 Uhr: Ich rufe im Notariat an und habe den Notar Dr. H. selber an der Strippe. Ich bin verwirrt: "Entschuldigung, ich dachte, ich würde bei Ihrer Sekretärin rauskommen." - "Schön wäre es!"

Der Fragebogen ginge grundsätzlich nur an eine Partei raus, sonst bekäme das Notariat unter Umständen redundante Daten. Nun frage ich mich, wie Frau W.-I. alle Daten korrekt ausfüllen konnte. Zumindest unsere Steuer-IDs dürften ihr eher unbekannt sein.

10:47 Uhr: Ich erhalte eine Mail von Frau K. vom Notariat: Sie hat am 23. Juni die Mail versehentlich an die private und die geschäftliche Adresse von Frau W.-I. geschickt, an mich dafür gar nicht. In der Anrede stehen deutlich Frau W.-I. und ich.

Mein Mann und ich füllen das Formular noch am gleichen Tag aus und senden es zurück. Offenbar waren wir noch schnell genug, denn am

5. Juli 2016 ist Notartermin! Wir bringen "unseren" Sachverständigen mit, dem Frau W.-I. einen verkniffenen Gruß zuwirft und ihn - wie wenige Minuten uns zuvor - ins Sekretariat des Notariats schickt mit den Worten: "Sie müssen dort Ihren Personalausweis abgeben!" - "Nein, muss ich nicht, ich kaufe oder verkaufe heute ja nichts."

"Und was ist, wenn die Käufer nicht bezahlen?"

Der Notar rattert den Vertragstext in einer affenartigen Geschwindigkeit herunter, Frau W.-I. stellt unsere Liquidität kurz in Frage, und schon ist alles vorbei. Da das Ehepaar nach 20 Jahren noch Restschulden auf dem Haus hat, muss der Notar erst die Bank kontaktieren, bevor er uns die Zahlungsaufforderung schicken kann. Das wird "erfahrungsgemäß vier bis sechs Wochen" dauern. Schade, damit fühlen wir uns dem Haus noch nicht wirklich näher ...

Frau W.-I. verabschiedet sich mit einem breiten Grinsen, sie müsse jetzt wieder arbeiten (gruselige Vorstellung, dass so jemand in einer psychologischen Beratungsstelle beschäftigt ist) und verschwindet samt Ehemann, der wie gewohnt so gut wie nichts gesagt hat.

Abends ist die Haus-Anzeige im Internet deaktiviert.

Weiter mit Teil 2: "Die Sache mit dem Wertgutachten"

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.